Et Plünnen Huus

In Jettes Zimmer ist es ein wenig dämmerig, doch die Lampe auf dem Schreibtisch und der Kamin tauchen alles in ein goldenes Licht. Auf dem Schreibtisch liegt ein offenes Buch. Schau nur hin: Sieht es nicht so aus, als würden die Geschichten von selbst aus dem Buch steigen?

Natürlich Unsinn! So etwas gibt es nicht – kann es gar nicht geben. Du bist ja schließlich nicht bei den Brüdern Grimm gelandet. Das muss durch eine Reflektion des Lichts kommen – was auch sonst.

Jette räuspert sich: Der Gasthof ist schon alt, sehr alt, so sagen es die Ältesten des Dorfes. Als ich hier eingezogen bin gab es ihn schon und der Name hat sich seitdem wohl nie geändert. Vielleicht soll er als Mahnung dienen oder ein Hinweis darauf sein, dass der letzte Wirt aus dem Norden kam. Man weiß es nicht. Doch hör dir die Geschichte an und bilde dir selbst ein Urteil:

„Vor langer Zeit gab es dort einen Wirt, der braute ein Bier, das so köstlich war, dass selbst die Leute aus den Nachbardörfern herbeipilgerten. Der Gasthof war jeden Abend so voll, dass die Gäste kaum noch Platz darin fanden. Noch auf der Straße standen sie an, nur um einen Schluck von dieser flüssigen Köstlichkeit zu erhaschen. Wenn man den Wirt jedoch nach dem Geheimnis seiner Braukunst fragte, lächelte er immer nur verschmitzt und sagte geheimnisvoll: ‚Das Rezept meiner Großmutter, verfeinert mit einer ganz besonderen Zutat!‘

„Bald fragte niemand mehr. Die Leute kamen einfach und genossen ihr Bier, und so ging es viele Jahre. Reich ist er geworden, unser Wirt – strohwinzend reich! Aber Reichtum ist eben nicht alles, und Geheimnisse haben die Angewohnheit, nicht geheim bleiben zu wollen.

„So kam es, wie es kommen musste. Eines Abends hatte der Wirt es eilig – oder das Geheimnis hatte sich einfach selbstständig gemacht, wer weiß das schon so genau. Auf jeden Fall vergaß der Wirt, die schwere Eichentüre zu seiner Braustube abzuschließen, ja, er ließ sie sogar einen Spalt breit offen.

„Armer Wirt, muss man hier wohl sagen. Ein Knecht war ihm nachgeschlichen und schaute voller Neugierde durch den Spalt. Was er da sah, ließ ihm fast das Blut in den Adern gefrieren. Er erblickte sie ganz genau, die Geheimzutat, und zwar just in dem Moment, als der Wirt sie in den großen, kupfernen Kessel warf: eine Socke! Eine schon sehr alte, oft getragene Socke, die der Wirt sich gerade vom Fuß gezogen hatte. Sie stank fürchterlich. Er hatte sie wohl so lange getragen, dass man schon die Zehen sehen konnte, die aus den Löchern hervorschauten.

„Als der Knecht das sah, rannte er los, als wäre der Teufel hinter ihm her. Zu jedem Dorfbewohner lief er und verbreitete sein Wissen schneller, als ein Adler zum nächsten Dorf fliegen kann. Auf dem Dorfplatz liefen die Leute zusammen und diskutierten aufgebracht, was zu tun sei. Unterdessen rührte der Wirt in seinem Braukessel, ohne zu ahnen, was sich da über ihm zusammenbraute.

„Die Dorfbewohner aber, die sich betrogen sahen und zudem vom Ekel geschüttelt wurden, fackelten nicht lange. Mit Mistgabeln, Rechen und Besen bewaffnet, machten sie sich alle auf den Weg zum Gasthof. Laut grölend zogen sie die Straße hinauf.

„Der Wirt hatte sie jedoch kommen hören und sich schon gedacht, dass sie ihm wohl kaum zum guten Geschmack gratulieren wollten. Noch bevor sie den Gasthof erreichten, verschwand er und rannte um sein Leben – und das ganz ohne Socke.

„Man erzählt sich, er sei weit im Norden im tiefsten Elend gestorben. Doch ob das stimmt? Keine Ahnung, es wird halt gemunkelt.

„Vielleicht hat er auch die offene Tür bemerkt und sein Geld schnell zusammengerafft, bevor er floh. Es könnte aber ebenso sein, dass es noch heute irgendwo im Gasthof versteckt liegt, weil er es in der Eile nicht mitnehmen konnte. Das weiß man nicht so genau.

„Eines jedoch steht fest: Niemals wieder hat man etwas von dem Wirt gesehen, noch hat man jemals sein Geld gefunden. Zumindest ist davon nichts überliefert. Doch seit jenem Tag heißt der Gasthof ‚Et Plünnen Huus‘ heißt, das Lumpenhaus.“

Jette lacht laut: „Tja, Lumpen gibt es viele: Die einen ziehen sie an, die anderen jagen sie aus dem Dorf. Doch wie bei (fast) allen guten Geschichten gibt es natürlich noch eine Moral:

Een Socke alleen is keen Unglück, dat is’n Single-Socke mit Charakter – aber as Geheimtoodaat in’t Beer deugt dat nix!“

(Bedeutung: Eine einzelne Socke ist kein Unglück, das ist eine Single-Socke mit Charakter – aber als Geheimzutat im Bier taugt das nichts!)