
Geschichte zum Dorffest

Im Dorfarchiv angekommen, siehst du niemanden, den du nach der Geschichte des Dorffestes fragen könntest. Ein wenig verloren kommst du dir vor. Ob du dir ein Buch nehmen sollst, um dir die Zeit zu vertreiben?
Als hätte jemand deine Gedanken gelesen, ertönt eine ziemlich laute Stimme: „Finger weg von den Büchern!“ Diese Stimme kennst du genau, und du hast gelernt, darauf zu hören. Erfahrung macht bekanntlich klug.
Jette schlurft durch den Raum und bleibt direkt vor dir stehen. Sie deutet auf die Schilder, die überall aufgehängt wurden. Auf denen ist deutlich zu lesen, dass jegliches Anfassen unter Androhung der Todesstrafe verboten ist. Nicht einen Moment überlegst du, ob das nicht vielleicht etwas übertrieben ist. Du weißt inzwischen: Jette ist alles zuzutrauen.
Ihre großen, runden Eulenaugen sind auf dich gerichtet, als sie fragt: „Was kann ich für dich tun?“ Wie immer scheint sie deine Gedanken zu lesen: „Du möchtest etwas über das Fest erfahren?“ Sie geht zu ihrem Schreibtisch, dort liegt aufgeschlagen ein Buch, daneben eine Tasse Tee, als habe sie noch vor Kurzem darin gelesen.
Du schaust dir das Buch genauer an: Aus den Buchseiten steigt feiner Dunst auf, und man kann deutlich tanzende Geister erkennen, die sich im Nebel wiegen. „Das ist es ja“, murmelt Jette, „genau das Buch, das wir brauchen.“
Dann dreht sie sich zu dir um: „Wie siehst du denn aus? So blass, als hättest du einen Geist gesehen!“ Sie lacht und bittet dich, Platz zu nehmen. Jette fährt mit der Hand über das Buch und brummt: „Nicht gut, wenn der heiße Dampf des Tees über die Buchseiten zieht, das schadet dem Papier.“
Ein weiterer Blick auf das Buch und siehe da, die Geister sind verschwunden. Haben deine Augen dir etwa einen Streich gespielt? War das nur der feine Dampf vom heißen Tee und keine tanzenden Geister? Wer hat auch jemals gehört, dass Geister aus einem Buch aufsteigen! Jette scheint nichts bemerkt zu haben, zumindest erwähnt sie es mit keiner Silbe.
„Dann können wir beginnen.“ Sie räuspert sich und putzt umständlich ihre große Brille.
„Das Fest ist eine ganz alte Tradition aus dem Dorf, es ist bestimmt schon ewig her, dass es zum ersten Mal gefeiert wurde.“ Sie schaut ins Buch und sieht dann zu dir hoch: „Ewig bedeutet, in diesem Jahr feiern wir es genau zum hundertsten Mal. Ist das nicht komisch? Wie konnte mir das entfallen? Ach egal, lass uns lieber über die Nebelkinder sprechen, denn von ihnen handelt die Geschichte. Niemand weiß heute, wer sie waren, ob sie überhaupt existierten oder woher sie gekommen sind. Fest steht nur, sie sind die Hauptfiguren in unserer Geschichte.“…!“
„Du musst wissen, damals ist hier im Dorf etwas Schreckliches passiert. Als es begann, hätte niemand sich träumen lassen, dass es so enden würde. Doch beginnen wir am Anfang.“

Die Nebelkinder
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»Es war ein ganz normaler, herbstlicher Tag. Vielleicht sogar ein bisschen wärmer, als es zu dieser Jahreszeit üblich war. Die Dorfbewohner hatten viel zu tun mit dem Einbringen der Ernte. Wie es immer schon war, gingen die größeren Kinder mit auf die Felder zum Helfen. Nur die Kleinen blieben zu Hause, wo sich eine Großmutter fand, die nicht mehr auf dem Feld arbeiten konnte und stattdessen die Kinder hütete.«
»Nichts, aber auch gar nichts deutete darauf hin, was dann geschah. Ganz plötzlich fiel die Temperatur, wer vorher noch geschwitzt hatte, dem wurde jetzt bitterkalt. Gleichzeitig zog ein dichter, schwerer Nebel auf, innerhalb kurzer Zeit konnte man die Hand nicht mehr vor Augen sehen. So mancher wird sich damals wohl bekreuzigt haben. Doch auch das änderte nichts. Die Dorfbewohner packten ihre Werkzeuge auf die Karren und zogen zurück ins Dorf. Unterwegs wurde sicher wenig gesprochen und es mag von einer schlimmen Teufelssache die Rede gewesen sein, doch das ist nicht genau überliefert.«
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»Was man genau weiß: Als sie im Dorf ankamen und ins Haus der Großmutter gingen, um ihre Kinder zu holen, waren fünf Kinder verschwunden. Sie waren hinausgegangen, um auf dem Dorfplatz zu spielen. Gefunden hat man sie da aber nicht und sie sind auch nicht wieder zurückgekommen, als der Nebel immer dichter wurde. Natürlich ist die Großmutter hinausgelaufen, um sie zu suchen. Vergessen wir aber nicht, da waren auch noch die ganz Kleinen, die ihr anvertraut waren, und so wagte sie es nicht, sich zu weit vom Haus zu entfernen.«
»Niemand machte ihr einen Vorwurf. Das wäre auch nicht nötig gewesen, denn sie war bereits völlig in Tränen aufgelöst und so verzweifelt, dass jedermann Mitleid mit ihr hatte.«
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»Sofort machten sich die Dorfbewohner wieder auf und suchten nach den Kindern. Sie zogen los mit Fackeln und mancherlei Gerät, um Lärm zu machen. Schließlich weiß man, dass Nebel alles schluckt, selbst das Licht der hellsten Fackeln, und dass nur laute Geräusche ihn, wenn auch nur gedämpft, durchdringen können. Außerdem hatten sie die Hoffnung, dass die Kinder das Lärmen hören und sich daran orientieren konnten.«
»Als sie mitten in der Nacht heimkehrten, wurde es ganz still im Dorf. Der Nebel hatte sich verzogen, doch großes Leid war über das Dorf gekommen. Gefunden hatten sie nur drei der vermissten Kinder. Die beiden anderen Kinder waren einfach fort und sie wurden auch nie wieder gesehen.«
»Was die heimgekehrten Kinder erzählten, klang so unglaubwürdig, dass so mancher es ihnen nicht geglaubt hat, und andere, die sich besser in den alten Sagen und Geschichten auskannten, nickten nur zustimmend.«
»Ich will dir nicht verschweigen, was die Kinder erzählt haben, damit du selbst urteilen kannst:«
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»Den aufziehenden Nebel hatten sie beim Spiel überhaupt nicht bemerkt. Es fiel ihnen erst auf, als er so dicht war, dass sie sich nicht mehr zurechtfanden. Zudem war es so kalt geworden, dass sie begannen zu frieren, jetzt wollten sie schnell nach Hause.«
»Da sie nichts erkennen konnten, gingen sie wohl in die falsche Richtung und standen plötzlich am Waldrand, auf der großen Wiese. Der Nebel war um sie herum und das machte ihnen schreckliche Angst. Doch vor ihnen, im dichten Nebel, sahen sie die Schatten von Kindern. Kinder, die ungefähr so groß waren wie sie selber. Die Dorfkinder sahen, wie die Nebelkinder tanzten und sangen, und ihnen wurde ganz leicht ums Herz, nur vom Zusehen. Marie und Paul, die beiden verschwundenen Kinder, wollten unbedingt mittanzen. Sie rannten einfach los, ohne dass jemand sie aufhalten konnte.«
»Unsere drei anderen Dorfkinder wollten ihnen gerade folgen, als sie den Lärm und das Rufen der suchenden Dorfbewohner hörten. Vergessen waren die Nebelkinder, ihre Eltern waren gekommen, um sie zu holen und sie rannten auf das laute Getöse zu. So wurden sie von überglücklichen Eltern und Dorfbewohnern gefunden.«
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„Seit der Zeit feiern wir das Fest der Nebelkinder, nicht nur, weil wir glücklich sind, dass wir die meisten Kinder sicher nach Hause bringen konnten, sondern auch in Gedenken an jene Nebelkinder, damit ein solches Unheil nie wieder geschehen sollte.
„Du wirst feststellen, dass diese Geschichte tief verankert ist in den Herzen der Bewohner. Heute noch, wenn dichter Nebel aufzieht, werden Fenster und Türen fest verschlossen und die Dorfbewohner lassen kein Kind vor die Türe.“
„Das war die Geschichte, wie das Fest entstanden ist. Über das Erzählen ist doch glatt mein Tee kalt geworden. Du hast sicher etwas vor. Wir sehen uns doch wohl beim Fest wieder, das nun in ein paar Tagen stattfindet.“ Dir ist sofort klar, dass Jette dich damit verabschiedet hat, auch wenn du vielleicht gerne noch mit ihr über die Geschichte gesprochen hättest. Sie findet scheinbar, dass dazu jetzt wohl nicht die rechte Zeit ist.
